Was ist eigentlich … Shu Ha Ri?

Es ist eigentlich ganz einfach: Shu Ha Ri bezeichnet den Weg des Lernens, wenn man Kawakami Fuhaku glauben darf. Der lebte im 18. Jahrhundert (genauer: 1719 bis 1807) und beschrieb das Leben und Lernen in drei Stufen: Shu, Ha und Ri.

Funny thing: Das Gleiche beschrieb auch Zeami Motokiyo, der angeblich auf der Lehre von Fuhaku aufbaute und das Konzept auf’s Nō-Theater erweiterte. Der Haken an der Geschichte: Motokiyo lebte von 1363 bis 1443. Also locker mal ein paar Jahrhunderte vor Fuhaku.

By the way, Menschen in Japan wurden offenbar schon damals™ verdammt alt.

Für uns soll es im Moment egal sein, ob Motokiyo oder Fuhaku das Konzept zuerst beschrieben haben. Was bedeutet nun Shu Ha Ri für uns im Lernkontext? Schauen wir uns zunächst die Bedeutungen an:

Shu: beschützen, verteidigen, einhalten, befolgen
Ha: zerreißen, durchbrechen
Ri: sich entfernen, sich trennen, abschneiden

Übersetzt auf den Lernkontext bedeutet das: Zuerst lernen, dann loslösen und dann übertreffen. Ich finde die Formulierung „Play the rules, break the rules, make the rules.“ leichter zu merken. Und damit ist eigentlich auch schon alles beschrieben.

Im ersten Schritt, Shu, schauen wir uns das an, was andere bereits erfolgreich praktizieren, und kopieren ihre Arbeitsweise. Es geht um das Nachmachen und Imitieren. Hierbei hilft idealerweise eine Lehrerin oder Trainerin. „Wax on, wax off“, wenn ihr euch erinnert …

Wenn wir dann die Techniken beherrschen, so wie sie uns beigebracht werden, wenden wir uns dem Ha zu. Wir beginnen, die Techniken zu verstehen, die Hintergründe zu erfassen und zu hinterfragen. Im Laufe der Ha-Phase beginnen wir dann auch, erste Regeln zu brechen. Und zwar erst dann, wenn wir die Reife und das Verständnis dafür erlangt haben.

Eines fernen Tages erreichen wir dann das Ri. Wir haben das Verständnis dessen, was wir tun, vollkommen von unserer Lehrerin aufgenommen, durchdrungen und einige Versuche durchgeführt, wie wir ausbrechen können. Wir haben die Materie quasi gemeistert und fangen an, sie weiterzuentwickeln.

Was das Ganze nun mit uns zu tun hat? Wir können in Unternehmen sehr oft beobachten, wie oft aus Selbstüberschätzung oder Druck von oben heraus versucht wird, das Shu und oft auch das Ha zu überspringen. Was dann – wenig überraschend – zu einem Scheitern der Transformation führt und die Mitarbeiterinnen mit einem „das haben wir probiert, das kann nicht funktionieren“-Gefühl zurück lässt.

Das ist fatal, denn tatsächlich funktionieren die meisten Frameworks und Methoden im agilen Kontext ganz gut. Wenn man sie so anwendet, wie es vorgesehen ist, und erst dann verändert, wenn man sie zu einem guten Stück durchdrungen hat.

Also, wenn euch das nächste Mal jemand sagt, „das ist bei uns aber nicht so, und wir brauchen das nicht, was uns da vorgegeben wird, wir sind anders als die anderen“, stellt euch die Frage, ob ihr tatsächlich schon mit Shu und Ha durch seid. Bis Ri ist es ein langer Weg.

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