Was ist eigentlich … die Engpasstheorie?

Schon mal überlegt, wieviele Menschen auf einer bestimmten Reisestrecke maximal reisen können, die mehrere Reisemittel umfasst? Zum Beispiel das Rad zur Bushaltestelle, den Bus zum Bahnhof, den Nahverkehrszug in die Innenstadt, anschließend der Fernzug in die nächste Großstadt und dort der Bus zum Büro? Wieviele Leute können wohl dieses System maximal in einem bestimmten Zeitraum durchlaufen, und bei welchem Verkehrsmittel zeigt sich das?

Eliyahu M. Goldratt war ein israelischer Physiker, der sich mit der zugrunde liegenden Theorie auseinandergesetzt hat. Diese besagt, dass der Durchsatz eines Systems, also das, was in einer bestimmten Zeit durch das System läuft, davon bestimmt wird, wie groß der Durchsatz an der engsten Stelle ist. Wenn ich also zum Beispiel eine Stück Autobahn habe, auf der im Normalzustand gut 100 Autos pro Minute durchfahren können, aber in der Mitte ein Stück ist, auf dem aufgrund einer Baustelle nur 10 Autos pro Minute durchfahren können, dann werden insgesamt auch nur 10 Autos pro Minute durchfahren können. Logisch, oder?

Diese Engpasstheorie lässt sich auch auf Produktionen und ultimativ auf Wissensarbeit übertragen. Ein System – zum Beispiel ein Entwicklungsteam – leistet nur so viel, wie die engste Stelle Raum bietet. In der industriellen Produktion zum Beispiel kann das die langsamste Maschine sein. In einem Entwicklungsteam zum Beispiel die Person, die alles nochmal auf Qualität testen muss, bevor es rausgeht. Wenn alle Arbeit durch diese eine Person kontrolliert werden muss und dieser Schritt der langsamste im ganzen Entwicklungsprozess ist, dann wird die Geschwindigkeit der Entwicklung durch diese nachgelagerte Qualitätssicherung bestimmt. Dann hilft es auch nicht, noch mehr Entwickler einzustellen, die entwickeln, aber keine Qualitätssicherung betreiben.

Goldratt beschreibt auch den Umgang mit Engpässen, zumindest auf die Produktion bezogen:

  • Identifiziere den Engpass.
  • Laste ihn komplett aus, sieh also zu, dass er nie leer läuft.
  • Ordne alles andere dieser Auslastung unter.
  • Erweitere den Engpass (zum Beispiel durch eine zweite Maschine).
  • Fang von vorne an.

Das Prinzip lässt sich mit einigen Einschränkungen auch auf die Wissensarbeit übertragen. Hier sollte die Intention allerdings nicht unbedingt sein, die Arbeiter komplett auszulasten, sondern die Freiräume, die ein Engpass entstehen lässt, auszunutzen. Es kommt dabei immer auf die individuelle Situation an. Menschen sind aber faszinierende Wesen mit unerwarteten Reaktionen auf Veränderungen. Es ist also zumindest nicht so leicht oder unbedingt sinnvoll, Engpässe zu beseitigen. Es ist aber dennoch wichtig, Engpässe zu erkennen und zu nutzen.

Übrigens bietet Kanban hier ein paar gute Ansätze, der wichtigste dabei ist die Begrenzung des Systems und der einzelnen Schritt mit sogenannten WIP-Limits (Work-in-Process- oder Work-in-Progress-Limits).

Was bedeutet das Ganze für unsere ursprüngliche Reise ins Büro? Ist das Fahrrad hier der Engpass? Oder der Bus? Wenn alle Reisenden das eine Rad benutzen müssten, wäre es wohl das Rad. Es liegt aber nahe, dass zum System mehr als ein Rad gehört, also der Bus? Welcher Zeitraum wird betrachtet? Wieviele Busse, Nahverkehrszüge, Fernzüge fahren in dieser Zeit? Ihr seht, es ist nicht ganz einfach. Das Gehirn muss eingeschaltet bleiben … Die richtige Antwort lautet also: Es kommt darauf an.

Wie schaut das bei euch aus? Beobachtet ihr eure Systeme? Identifiziert ihr Engpässe, oder sind die Systeme gar nicht limitiert? Wie geht ihr mit Engpässen um? Hat schon mal jemand bei euch probiert, ein Problem zu lösen, indem einfach noch mehr Mitarbeiterinnen drauf geschmissen wurden? Ich freue mich, wenn ihr mir eure Erfahrung im Kommentar hinterlasst.

Beim Beseitigen meiner gedanklichen Engpässe hilft mir euer (direktes und indirektes) Feedback. Wie immer gilt daher: Danke für’s Lesen, abonniert sehr gerne meinen Newsletter, und wenn euch der Artikel gefallen hat, tut mir einen Gefallen und verbreitet ihn weiter, das hilft mir sehr! Dankeschön!

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